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03.07.2020
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Liebe ESGlerinnen und ESGler, liebe Freunde,

In dieser Karwoche steht auch ein besonderer Gedenktag an, der 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer. Am 9. April 1945, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges also, wurde Bonhoeffer vom NS-Regime hingerichtet. Natürlich kennen wir auch alle sein eindrucksvolles und zum Lied gewordenes Gedicht "Von guten Mächten treu und still umgeben". Aber an diesem viel strapazierten Lied zeigt sich zugleich das Problem, das sich mit Ausnahmegestalten wie eben Bonhoeffer verbindet: sie werden von allen und für alles vereinnahmt und entsprechend vereinfacht. Geschichten, Gedanken, Kalendersprüche, Zitate Bonhoeffers finden sich auf Postkarten wie auf Todesanzeigen; nach ihm sind Straßen, Schulen und Studierendenwohnheime benannt. Bonhoeffer gehört zu den Ikonen der deutschen Erinnerungskultur, ein Märtyrer und Heiliger, sozusagen alles, was er selbst nicht sein wollte. Auf Bonhoeffer beziehen sich aber auch politische Gruppen aller Richtungen. Selbst in Donald Trumps Wahlkampf spielte Bonhoeffer eine Rolle als aufrechter Verteidiger von family values.  Einen "wahren Propheten", so würdigte Trumps damaliger Botschafter in Berlin, Richard Grenell, vor kurzem bei der Enthüllung einer Gedenktafel im KZ Flossenbürg Bonhoeffer. Bonhoeffer als Monument bürgerlicher Tugendhaftigkeit? Das doch wohl nicht. Was aber kann man dann von Bonhoeffer lernen? In der aktuellen Ausgabe von "zeitzeichen" gibt der in Berlin lehrende Prof. Torsten Meireis dazu zwei Hinweise:

Der erste Hinweis bezieht sich auf Bonhoeffers Lebensweg. Aus einem durchaus elitären bürgerlichen Milieu kommend, begab sich Bonhoeffer auf einen scheinbar klar vorgezeichneten akademischen Weg - aber er blieb nicht dabei. Der großen Störung, die Christus für unser Leben bedeutet, hat er sich nicht entzogen und stattdessen versucht, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen und sich von alten, scheinbar zeitlosen Antworten zu befreien. Den Weg in die Freiheit zu finden - und dann auch zu gehen, das war Bonhoeffer wichtig. Wie weit er schon auf dem Weg in die Freiheit gekommen war, das zeigt uns seine Menschlichkeit, Toleranz und auch seine souveräne Heiterkeit wenige Wochen und Tage vor seinem Tod.

Das führt Meireis zu dem zweiten Hinweis, nämlich auf die theologischen Konsequenzen, die Bonhoeffer aus dem dadurch ausgelösten Nachdenken über die Welt gezogen hat, Für Bonhoeffer stand die Frage nach der Verantwortung im Mittelpunkt, die wir als Christen tragen. Da waren ihm die Amtskirchen, die angesichts von Judenverfolgung und Kriegsvorbereitung schwiegen, ein Ärgernis. Dabei war ihm klar, dass auch private Tugendhaftigkeit hier unter Umständen nicht weiterführt, sondern Widerstand bedeuten kann, Widerstand leisten aber fast unvermeidlich dazu führt, Schuld auf sich zu laden.

Bonoeffer lebte in Zeiten enormer kultureller, politischer und religiöser Veränderungen und fragte unter diesen Umständen nach der zukunftsfähigen Kirche. Aber seitdem hat sich der Wandel nicht etwa "beruhigt", sondern ist im Gegenteil noch schneller geworden und hat sich mit einem noch größeren Veränderungspotential verbunden. Bonhoeffers Anfragen sind daher noch nicht beantwortet, sondern begleiten uns weiter. Deshalb lohnt sich die Beschäftigung mit Bonhoeffers Denken - denn eines ist schon jetzt deutlich: auch die aktuelle Krise wird unsere Gesellschaft verändern. Ob zum Guten oder Schlechten, wir alle sind daran mitbeteiligt. 

Ich wünsche uns allen und euren Familien einen guten Verlauf der Karwoche, auch mit einem Karfreitag, der hoffentlich unser sonst gepflegtes Harmoniebedürfnis empfindlich stört und zum Nachdenken bringt.
Ich wünsche uns zugleich ein schönes Osterfest, damit der Sieg des Lebens über den Tod gerade an diesem Ostern uns Mut macht, unseren so oft unsicheren und ungesicherten Lebensweg mit Zuversicht weiterzugehen.

Der Herr behüte euch vor allem Übel,
er behüte eure Seele.
Der Herr behüte euren Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit.
Amen





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